Lotte Brainin (zum 95. Geburtstag)

Am 12. November konnte eines der Gründungsmitglieder der Lagergemeinschaft Ravensbrück, die Widerstandskämpferin und Auschwitz- und Ravensbrück-Überlebende Lotte Brainin, ihren 95. Geburtstag feiern. Die FreundInnen aus der Lagergemeinschaft gratulieren ihr ganz herzlich zu diesem Jubiläum und wünschen ihr viele schöne Zeiten im Kreis ihrer Familie.

Lotte tanzt auf einer Party in der Wohnung der Brainins (1969) S8-Filmstill © Hugo Brainin

Zum Geburtstag von Lotte

1998 habe ich  Lotte kennen gelernt, „frisch gefangen“ als von den Ravensbrückerinnen sogenannte „Junge“. Zu diesem  Zeitpunkt herrschte Aufbruchsstimmung in der Lagergemeinschaft: Der Start des großen Interviewprojekts mit österreichischen Überlebenden des KZ Ravensbrück von Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr wurde gerade in Angriff genommen und für eben diesen Zweck war ich als Kamerafrau (als eine von insgesamt vieren) eingeladen worden, teilzunehmen.
Die Frau, die mir in der damals noch relativ großen Gruppe der Überlebenden als Erste besonders auffiel, war Lotte: sehr klein und trotzdem ganz Grande Dame, ausgesprochen attraktiv, zurückhaltend, aber ebenso kritisch und sehr forsch, wenn es um ein Thema ging, das ihr persönlich wichtig war – so ist meine Erinnerung an ihr Auftreten.
Als mir schließlich die Aufgabe zufiel, die Interviews mit ihr auf Video aufzuzeichnen, fühlte ich mich gleichermaßen glücklich-neugierig wie auch aufgeregt. Die Lebensgeschichte, die ich damals das erste Mal zu hören bekam, hat mich zutiefst berührt und erschüttert; und genauso gefangen genommen hat mich die Art und Weise, in der sich Lotte mitteilte, ihre Mimik, ihre Gesten, ihre Haltung, all das hat mich in ihrer Schönheit und Anmut ungemein fasziniert. Bis heute schätze ich es als besonderes Erlebnis, dass ich diese ungewöhnliche Frau als Erzählende über viele Stunden beobachten und „einfangen“ durfte.
Lotte wurde 1920 als Tochter von ukrainischen Flüchtlingen, Jetty und Maurici Sontag in Wien geboren. Schon in früher Jugend bewegte sie sich, wie auch ihre älteren Geschwister, in linkspolitischen Kreisen. Im Zuge der Februarkämpfe 1934 wurde sie erstmals verhaftet und daraufhin jedes Jahr im Februar aufs Neue in sogenannte Schutzhaft genommen. Mit dem „Anschluss“ 1938 war sie daher doppelt gefährdet: Sie war nun nach den Nürnberger Rassegesetzen als „Jüdin“ klassifiziert und als Kommunistin amtsbekannt. Ihr gelang – ebenso wie ihren Brüdern und ihrer Mutter – die Flucht ins belgische Exil, der Einmarsch der deutschen Truppen aber brachte sie erneut in Gefahr. Ab 1941 in Brüssel im Widerstand tätig, wurde sie nach einem Verrat 1943 verhaftet und durchlebte schwerste Folter durch SS und Gestapo, bis sie schließlich nach Auschwitz deportiert wurde. Ihre Mutter, ebenfalls deportiert, wurde in Auschwitz direkt von der Rampe weg in die Gaskammer gebracht und ermordet.
Auch in Auschwitz war Lotte in einer Widerstandsgruppe tätig, die mithalf, ein Krematorium zu sprengen. Ihre damaligen Mitstreiterinnen wurden ausgeforscht und erhängt. Mit dem Heranrücken der Roten Armee wurde Lotte mit vielen anderen auf einem der sogenannten Todesmärsche ins KZ Ravensbrück verschleppt. Schließlich gelang ihr auf einem weiteren Todessmarsch kurz vor der Befreiung gemeinsam mit ihrer Freundin Juci Rusch die Flucht. Auf Umwegen kehrte sie schließlich wieder nach Wien zurück. Und diese Rückkehr war mehr als schwierig – für viele in ihrer Geburtsstadt war sie nicht willkommen und noch weniger wollte jemand über die Geschichte von ehemaligen KZ-Häftlingen wissen.
Trotzdem: Tief eingeprägt in meinem Gedächtnis haben sich die Veränderungen in Gesicht und Körperhaltung Lottes, als sie im Interview vom Leben danach zu sprechen begann: größer und weiter plötzlich die Bewegungen, heller und lebhafter, als sie von der politischen Veranstaltung erzählte, bei der sie „ihren“ Hugo kennengelernt hatte. Obwohl die Erinnerungen an die entsetzlichen Erlebnisse während des Krieges auch später immer wieder ihr Leben überschatteten, fand Lotte glücklicherweise in ihrem Familienleben starken Halt. Dieser Anker ist vor allem auch jetzt, da sie leider schon einige Jahre sehr krank ist, umso intensiver geworden ist. Liebevoll kümmert sich Hugo gemeinsam mit den beiden Töchtern um Lottes Wohlergehen.
Das zu wissen ist für uns in der Lagergemeinschaft, die wir sehr traurig darüber sind, dass diese ehemals Unermüdliche nicht mehr zu unseren Treffen kommen kann, ein großer Trost. Und wir möchten Hugo und auch Elisabeth und Marianne auf diesem Weg nochmals dafür danken.
Für mich persönlich war es eine große Ehre, als Lotte mir 2008 im Rahmen der Reihe „Visible“ erlaubte, ihre Geschichte in einem Filmportrait zu erzählen, auch wenn ich stets das Gefühl hatte, diesem Unglaublichen, diesem Schrecken und Schmerz und ebenso dem Mut, den Lotte diesem Terror gegenüber bewiesen hat, niemals gerecht werden zu können.
Gerade für diesen Mut möchte ich dir, liebe Lotte, danken, dafür, dass du uns damit ein Vorbild bist und immer bleiben wirst.
Alles Liebe und Gute zu deinem 95er
Bernadette Dewald

Lotte Brainin im Mai 2015; Videostill © Bernadette Dewal

Lotte Brainin verfasste im Jahr 2005 gemeinsam mit ihrem Mann Hugo die Präambel für die Vereinsstatuten, die richtungsweisend für die Übergabe der Vereinsagenden an die sogenannten „Jungen“, also die nächsten Generationen in der Lagergemeinschaft sein sollte.

Weitere Informationen zum Leben von Lotte Brainin finden sich im Mitteilungsblatt 2010 (S. 17-21) und im Mitteilungsblatt 2012 (S.17-18) sowie in dem Film „Lotte Brainin. Leben mit Eigenwillen und Mut“ aus der Reihe „Visible“.