Rosa Jochmann (1901-1994)

19. Juli 1901 – 28. Jänner 1994

Rosa Jochmann um 1983. Foto: Heinz Stoff

Rosa Jochmann um 1983. Foto: Heinz Stoff

Rosa Jochmann wurde am 19. Juli 1901 in der Wiener Brigittenau geboren. Die Mutter war Wäscherin, der Vater Eisengießer. Bald zog die Familie nach Simmering. Als Rosa 14 Jahre alt war, starb ihre Mutter und sie musste für ihre beiden jüngeren Schwestern sorgen. Ihr Bruder starb früh an der Armeleutekrankheit Tuberkulose. Rosas Vater wurde als engagierter Sozialdemokrat verfolgt, er politisierte seine Tochter, indem er sie auf die großen Ungerechtigkeiten, denen die ArbeiterInnen ausgesetzt waren, hinwies.

Gewerkschafterin, Frauenpolitikerin
Rosa selbst arbeitete in der Fabrik „Schmidt und Söhne“. Eine Bekannte riet ihr, dort Arbeit zu suchen, weil sie dort Schokolade und Zuckerln essen könne – sie landete jedoch in der Senfabteilung. Sie freute sich, wenn sie nach ihrer Tagschicht auch noch in der Nachtschicht arbeiten konnte, weil das mehr Lohn bedeutete. Um wenigstens die damaligen sozialen Rechte zu erhalten, trat sie der Gewerkschaft bei. Mit 20 Jahren wurde sie bei der Firma Auer zur Betriebsratsobfrau gewählt.
1927 bestellte sie die Chemiearbeitergewerkschaft zur Sekretärin. Als solche war sie für die Organisierung der Frauen dieser Industrie zuständig. Otto Bauer ermöglichte ihr, nachdem sie ihm bei einer Veranstaltung durch ihre mutige Wortmeldung aufgefallen war, die Teilnahme im ersten Semester der Arbeiterhochschule. Lehrer waren dort Robert Danneberg, Friedrich Adler, Karl Renner, Max Adler und Otto Bauer, der Rosa in entscheidender Weise förderte.
Käthe Leichter, mit der sie später eine enge Freundschaft verband, ermutigte sie 1930, einen Beitrag über die Arbeiterinnen in der Chemischen Industrie für das „Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“ zu verfassen.
1932 wurde sie auf Vorschlag von Julius Deutsch als Frauenzentralsekretärin der Sozialdemokratischen Partei angestellt.
Sie erlebte am 16. Oktober 1932 die Verwüstung des Simmeringer Arbeiterheimes nach Kämpfen zwischen aufmarschierenden Nationalsozialisten und Sozialdemokraten, am Ende gab es vier Tote. Ebenfalls im Oktober 1932 sprach Rosa zum ersten Mal als Frauendelegierte auf einem Parteitag. 1933 wurde sie in den Parteivorstand gewählt.

Widerstandskämpferin
Im Februar 1934, nach der Ausschaltung der Demokratie durch das Dollfußregime, überzeugte sie Otto Bauer davon, dass er sich nach Brünn in Sicherheit bringen müsse. Unter dem Decknamen Josefine Drechsler gelang es ihr, unterzutauchen und gemeinsam mit Roman Felleis, Karl Holoubek und Ludwig Kostroun das erste Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten, das Manfred Ackermann leitete, zu bilden. In dieser Funktion hielt sie am 15. Juli 1934 auf der Predigtstuhlwiese die Gedenkrede für die Opfer des 15. Juli 1927. Gendarmerie und Heimwehr überfielen die Versammlung und töteten zwei junge Genossen. Am 30. August 1934 wurde Rosa zum ersten Mal verhaftet und zu einem Jahr Kerker verurteilt.
Ab Ende 1935 verbreitete sie gemeinsam mit Rudolfine Muhr, Maria Emhart und Frieda Nödl die illegale „Arbeiter-Zeitung“ und hielt Kontakt zu Otto Bauer. Am 10. März 1938 berichtete sie ihm von der Floridsdorfer Betriebsrätekonferenz, die am 7. März eine Unterstützung der Schuschnigg-Volksabstimmung gegen Hitler beschlossen hatte. Rosa glaubte an die Wiedererstehung der Partei, doch Otto Bauer antwortete ihr: „Jetzt marschiert der Hitler ein und der bringt den Krieg.“
Im August 1939 wurde sie von der Gestapo verhaftet, am 5. April 1940 ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Als „Blockova“ (Blockälteste) setzte sie sich mutig und unermüdlich für ihre Mitgefangenen ein, ungeachtet ihrer politischen Hintergründe.
Nach der Befreiung des KZ durch die Sowjetarmee am 1. Mai 1945 warteten die Österreicherinnen vergeblich darauf, von ihren Landsleuten nach Hause geholt zu werden. So entschlossen sich Rosa und Friedl Sedlacek, nach Wien zu gehen und Hilfe zu holen. Nach abenteuerlicher Reise in Wien angekommen, organisierte Bundeskanzler Karl Renner für die Frauen Fahrzeuge und einen sowjetischen Begleitoffizier und so trafen sie am 16. Juli 1945 wieder in Ravensbrück ein, um danach endlich heimzukehren.

Nationalrätin, Zeitzeugin, Friedensaktivistin
Nach ihrer Rückkehr setzte Rosa ihre Tätigkeit in der Sozialistischen Partei fort: als Frauenzentralsekretärin, von 1959 bis 1967 als Vorsitzende des Frauenzentralkomitees, 1945 bis 1967 als Mitglied des Parteivorstandes der SPÖ, als Abgeordnete zum Nationalrat für Wien-Simmering; ab 1948 war sie zudem Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und, seit dessen Gründung, Vizepräsidentin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW). Zehn Jahre lang, 1984 bis 1994, war sie auch Obfrau der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück.
Ab Anfang der 80er Jahre war sie unermüdliche Zeitzeugin an Schulen und Bildungseinrichtungen, obwohl sie danach oft sagte, sie wäre „ans Kreuz geschlagen“, so sehr belasteten sie diese Erinnerungen.
Von der ersten Nationalratswahl im November 1945 wurden die ehemaligen Nationalsozialisten noch ausgeschlossen, bei der nächsten Wahl 1949 beschlossen ÖVP und SPÖ, sie wieder als „Wahlpartei der Unabhängigen“ teilnehmen zu lassen. Damit war Rosa absolut nicht einverstanden! Der VdU (Verband der Unabhängigen, heute FPÖ) zog dennoch mit 16 Mandataren ins Parlament ein. Rosa war der Überzeugung, dass man nach 1945 das volle Ausmaß der Nazi-Herrschaft nicht erkannt hat, leider auch jene Personen nicht, die nun die Geschicke des Landes bestimmten.
Nach dem Militärputsch in Chile und der Ermordung des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 wurde sie Mitbegründerin der überparteilichen Chile-Solidaritätsfront. Sie trat vehement gegen die österreichischen Waffenlieferungen an Pinochet in Chile und an die Militärdiktatur in Argentinien auf.
Rosa war eine der Galionsfiguren der österreichischen Friedensbewegung. In den Jugendlichen sah sie ihre große Hoffnung für eine friedliche Zukunft.
Am 23. Jänner 1993 hielt sie am Heldenplatz beim „Lichtermeer“, der Veranstaltung gegen das von der FPÖ initiierte „Anti-Ausländervolksbegehren“, vor 300.000 TeilnehmerInnen ihre letzte öffentliche Rede.
2004 wurde sie bei einer Umfrage des „Kurier“ zu einer der 50 wichtigsten ÖsterreicherInnen gewählt.
Rosa Jochmann starb am 28. Jänner 1994, sie erhielt ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof, 2. Tor, Gr. 14c, 1A, gegenüber dem Ehrengrab von Johanna Dohnal.

Text: Hannelore Stoff

Quellen:
Rosa Jochmann Zeitzeugin – Maria Sporrer, Herbert Steiner (1983)
Rosa Jochmann. Porträt einer Sozialistin – Peter Pelinka (1986)
Rosa Jochmann „Nie zusehen, wenn Unrecht geschieht.“ – Andrea Steffek (1999)
Jüdisches Echo, 2005, S. 132
Und eigene Begegnungen mit Rosa Jochmann …

Dieser Text ist erstmals erschienen im pdf Mitteilungsblatt-2013 aus Anlass der Benennung eines Gemeindebaus in Wien-Simmering nach Rosa Jochmann.