Wissenschaft & Forschung

Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich vor allem rund um das Institut für Konfliktforschung in Wien ein kleiner Kreis von in der Lagergemeinschaft Ravensbrück engagierten Wissenschaftlerinnen gebildet. Die erste selbst gestellte „Mammutaufgabe“: lebensgeschichtliche Interviews mit möglichst vielen noch lebenden „Ravensbrückerinnen“ zu führen und aufzuzeichnen. Mehrere wissenschaftliche Studien sind aus diesen und anderen Quellen hier entstanden – und entstehen weiterhin.


Überblick:
Datenbank / Website: ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück (publiziert 2013)
Studie: Lebendiges Gedächtnis. Die Geschichte der österreichischen Lagergemeinschaft (publiziert 2008)
Studie: Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern (publiziert 2004)
Studie: Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück (publiziert 2001)


Datenbank / Website: ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück
Seit 2005 wird am Institut für Konfliktforschung an der „Namentlichen Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück“ gearbeitet.

Ziel war und ist es, möglichst viele der in Ravensbrück inhaftierten Österreicherinnen und Österreicher jeglicher Verfolgtengruppen zu erfassen, wobei für uns nicht nur die Namen und Grunddaten von Interesse sind, sondern auch weitgehende Informationen zum Leben vor, während und nach der Verfolgung dieser Frauen und Männer. Für diesen Zweck wurden aufwändige und umfangreiche Recherchen im In- und Ausland durchgeführt, und rund 2.700 österreichische Ravensbrück-Inhaftierte konnten in die Datenbank aufgenommen werden (davor belief sich die Schätzung der Inhaftiertenzahl auf 800 bis 1.000 Frauen). Nun liegen auch viele Informationen zu bislang unerforschten Opfergruppen vor: Personen, die als sogenannte „BerufsverbrecherInnen“, wegen vermeintlicher „Asozialität“ oder wegen „Verbotenem Umgang“ inhaftiert wurden.

Mit der multimedialen Website www.ravensbrückerinnen.at – erstellt in Kooperation mit der HTL Donaustadt – sind die Ergebnisse dieser jahrelangen historischen Forschung zu österreichischen Inhaftierten im KZ Ravensbrück für eine breite Öffentlichkeit und insbesondere für Schulen aufbereitet und seit 2013 zugänglich gemacht.

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Die übersichtlich gestaltete Website ist in drei große Bereiche gegliedert: Lebensgeschichten – Themen – Recherche. Unter „Lebensgeschichten“ sind 30 Biografien von in Ravensbrück inhaftierten Frauen und Männern mit unterschiedlichen politischen und sozialen Verfolgungshintergründen zu finden (inklusive Fotos und anderen Dokumenten). Im Abschnitt „Themen“ werden kurze und prägnante Hintergrundinformationen zum KZ Ravensbrück, zu den ÖsterreicherInnen in Ravensbrück, dem Alltag in Ravensbrück sowie dem Leben nach der Rückkehr bereitgestellt, wobei darin immer auf ZeitzeugInnenberichte zurückgegriffen wird. Unter „Recherche“ können die NutzerInnen der Website eigenständig Abfragen in der Datenbank zu den österreichischen Ravensbrück-Häftlingen durchführen und Filme bzw. Porträts von „Ravensbrückerinnen“ ansehen. Der extra eingerichtete „Lernraum“ bietet insbesondere Lehrenden Anregungen für weiterführende Fragestellungen zu den einzelnen Themen und für vorwissenschaftliche Arbeiten.

Für die Datenbank zeichnen Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr verantwortlich. Kerstin Lercher und Olivia Kaiser haben bei der namentlichen Erfassung, Gerlinde Schmid bei der Website-Erstellung engagiert mitgearbeitet. << zum Überblick


Helga Amesberger / Kerstin Lercher:
Lebendiges Gedächtnis
Die Geschichte der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück
Wien: Mandelbaum Verlag, 1. Aufl. 2007
ISBN 978-3-85476-219-5, 120 Seiten, 15,90 Euro

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Im Mai 1947 gründeten Überlebende des Frauenkonzentrationslagers die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück (ÖLGR). 60 Jahre danach ist es Zeit zurückzublicken. Der Verein – der erste seiner Art in Österreich und „Vorbild“ für später gegründete Lagergemeinschaften – sah und sieht seine Aufgaben primär in der Interessenvertretung für Überlebende und deren Angehörige, im Bereich der politischen und historischen Bildung, im Gedenken an die Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft, in der Erhaltung der Lagergemeinschaft sowie in der internationalen Vernetzung mit ähnlichen Organisationen. Die Lagergemeinschaft verstand sich von Anfang an als eine politische überparteiliche Vereinigung ehemaliger Häftlinge des KZ Ravensbrück. Tatsächlich waren fast ausschließlich ehemalige Widerstandskämpferinnen in der Lagergemeinschaft organisiert.

Es waren 60 aktive Jahre, die von nationalen wie internationalen politischen sowie kulturellen Veränderungen im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs und den Verfolgten des NS-Regimes gekennzeichnet und geprägt waren. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie die ÖLGR bewegen sich in einem politisch-ideologisch umkämpften Raum, in dem um historische „Wahrheiten“, um die hegemonialen Deutungsmuster zur nationalsozialistischen Vergangenheit gerungen wird. Vor diesem Hintergrund analysieren die Autorinnen die Aktivitäten und Aufgaben der Lagergemeinschaft, beleuchten die Wirkungsweise ihres politischen Engagements sowie die internen Widersprüche und Konflikte, aber auch, inwiefern der Verein mit seinen Tätigkeiten das „negative (weibliche) Gedächtnis“ repräsentiert(e) bzw. als „Feigenblatt“ für das Nachkriegsösterreich, das sich seiner Täterschaft nicht stellte, fungierte.

Das Vermächtnis der Überlebenden und die kritische Bestandsaufnahme weisen nicht zuletzt auch den Weg für das zukünftige Gedenken und die Ausrichtung der politisch-historischen sowie feministischen Bildungsarbeit nach dem Ableben der letzten aktiven Zeitzeuginnen. << zum Überblick


Helga Amesberger / Katrin Auer / Brigitte Halbmayr:
Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern

Mit einem Essay von Elfriede Jelinek.
Wien: Mandelbaum Verlag, 3. Aufl. 2007
ISBN 978-3-85476-219-5, 364 Seiten, 19,90 Euro

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pdf Inhaltsverzeichnis: Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt war und ist integraler Bestandteil von Verfolgung, Folter und Krieg. Frauen wie Männer waren und sind davon betroffen.

In den lebensgeschichtlichen Erinnerungen österreichischer Überlebender des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück sind immer wieder Ausführungen zu erniedrigenden, verletzenden, qualvollen bis hin zu existenzbedrohenden Gewalterfahrungen zu finden, die sexuelle Konnotierungen aufweisen bzw. sexuelle Übergriffe darstellen.

Der Begriff „sexualisierte Gewalt“ bezieht sich nicht nur auf physische, direkte, von einer konkreten Person ausgeübte Gewaltakte (Vergewaltigung, Sexzwangsarbeit, Zwangssterilisation, Zwangsabtreibung). Er schließt die diesen Gewalttaten oft vorgelagerten Grenzverletzungen wie demütigende Blicke, verbale Belästigungen oder erzwungenes Nacktsein ebenso mit ein wie auch strukturelle, (dem KZ) systemimmanente Bedrohungen (z.B. unzureichende Hygienemöglichkeiten, fehlende Intimsphäre).
Am Beispiel zweier Frauen, die der SS für sexuelle Dienste zur Verfügung stehen mussten, wird in dem Buch verdeutlicht, dass sexualisierte Gewalt im Konzentrationslager immer und überall präsent war und die SS sich selbst immer wieder über eigene Regelungen und Verbote hinsichtlich Kontakte mit weiblichen Häftlingen hinwegsetzte. Manche Interviewpassagen zeigen aber auch eindringlich, wie schwierig es ist, über derartige Erfahrungen zu kommunizieren und wie stark noch heute die Frauen Schutz im Schweigen suchen.

Sexualisierte Gewalt kann schwere Traumatisierungen verursachen. Der Auseinandersetzung mit dem Thema Trauma ist daher ein eigenes Kapitel des Buches gewidmet.
Die von den Frauen erlebte sexualisierte Gewalt ging großteils von Männern, im Kontext Konzentrationslager von SS-Männern, aus. Dieser Umstand verweist bereits auf die Notwendigkeit, den Faktor Geschlecht und die Dimension des Geschlechterverhältnisses zwischen Opfern und TäterInnen in die Analyse sexualisierter Gewalterfahrungen mit einzubeziehen. Vor diesem Hintergrund werden auch frauenspezifische Aspekte wie Menstruation, Schwangerschaft und Mutterschaft im KZ sowie die Auswirkungen von Verfolgung und sexualisierten Gewalterfahrungen auf das Leben nach 1945, insbesondere im Bereich Partnerschaft und Mutterschaft, ausführlich beleuchtet.

Die Analyse zeigt, dass sexualisierte Gewalt nicht „nur“ Ausdruck von Frauenfeindlichkeit war, sondern auch immer rassistisch, antisemitisch, heterosexistisch und eugenisch motiviert war. << zum Überblick


Helga Amesberger / Brigitte Halbmayr:
Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück
Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung.
Band 1: Dokumentation und Analyse, Band 2: Lebensgeschichten
Wien: Promedia 2001

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pdf  Inhaltsverzeichnis Band 1: Dokumentation und Analyse
pdf  Inhaltsverzeichnis Band 2: Lebenserinnerungen

Die beiden Autorinnen haben in mehrjähriger Arbeit die Lebensgeschichten von 42 österreichischen Überlebenden aufgezeichnet, analysiert und dokumentiert.

Ergebnis der Arbeit ist zum einen eine wissenschaftliche Aufbereitung der erzählten Erinnerungen, zum anderen eine Zusammenstellung der Biografien der Frauen, angereichert mit Bild- und Dokumentationsmaterial. Mit diesen beiden Bänden liegt erstmals eine umfassende Analyse und Dokumentation österreichischer Überlebender des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück vor. Den interviewten Frauen ist das Überleben des Konzentrationslagers Ravensbrück gemeinsam – ihre Lebensgeschichten sind jedoch denkbar unterschiedlich.

Das Leiden durch den nationalsozialistischen Terror ist zentraler Bestandteil der Lebensgeschichten, dennoch haben die Frauen auch davor und danach eine Geschichte. Diese Geschichte wurde in den bisherigen zeitgeschichtlichen Studien meist außer Acht gelassen oder nur am Rande thematisiert. Im Mittelpunkt des ersten Bandes steht daher eine vergleichende Analyse dieser Unterschiede in der Sozialisation, in der Verfolgungsgeschichte und in den „Verarbeitungsstrategien“ – jeweils eingebettet in den historischen gesellschaftspolitischen und sozioökonomischen Kontext.

Neu an der vorliegenden Studie ist auch, dass sich die Interviews und Analysen nicht auf eine Opfergruppe beschränkten. Damit werden Einblicke in die Frauengeschichte von Verfolgtengruppen ermöglicht, die bislang nicht im Mittelpunkt der historischen Forschung und des öffentlichen Interesses standen, wie etwa Roma und Sinti, die wegen sogenannter „Rassenschande“ Verfolgten oder die ZeugInnen Jehovas. Durch die Einbeziehung unterschiedlicher Opfergruppen wird auch die Vielfalt der Verfolgungsgründe sichtbar.

Die nationalsozialistische „Taxonomie der Farben“ und die rassistische Bewertung von Nationalitäten beeinflussten nicht nur die Chancen zum Überleben, sondern auch das Leben nach 1945 und den Umgang mit der eigenen Geschichte.

Nur wenige Frauen wagten mit einer Autobiografie den Schritt an die Öffentlichkeit. Mit der Zusammenstellung der Biografien (Band 2) ist es gelungen, die Erfahrungen von bislang in der Öffentlichkeit wenig bekannten Frauen, deren bewegte Geschichte und oft unfassbares Leid sichtbar zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren bzw. für die Nachwelt zu erhalten. Zudem ist im Bewusstsein vieler junger Menschen nach wie vor kaum verankert, dass auch Frauen und Kinder Betroffene und Leidtragende des NS-Vernichtungsapparates waren.

„Niemals vergessen!“ ist ein Aufruf, der nicht an die Tausenden Verfolgten des Nationalsozialismus gerichtet sein kann. Sie können ohnehin nicht vergessen. Und viele, die Jahrzehnte lang verdrängt und geschwiegen haben, haben nun im Alter die Hoffnung, dass ihre Geschichte wahrgenommen wird, dass ihre Erfahrungen mit Verfolgung und Unterdrückung weitergetragen, den nächsten Generationen überliefert werden. << zum Überblick