Geschichte

der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück

Die Gründung der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück (ÖLGR) ist mit zwei Daten verbunden: Am 24. Mai 1947 fand im Festsaal des Alten Rathauses in Wien die offizielle Gründungsfeier statt, bei der Ravensbrück-Überlebende aus Österreich, Delegationen aus dem Ausland und auch Vertreter der Politik anwesend waren. Die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte dann erst Anfang 1958.

Wie die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück entstand

Getragen war die Gründung der Lagergemeinschaft primär vom „Geist der Lagerstraße“, demzufolge von parteipolitischen und weltanschaulichen Differenzen Abstand zu nehmen sei, um gemeinsam gegen jegliche Formen von Faschismus, (Neo-) Nazismus, Antisemitismus und Rassismus aufzutreten sowie am Aufbau eines demokratischen Gesellschaftssystems mitzuwirken.
Die Aufklärung der österreichischen Bevölkerung und insbesondere der Jugendlichen über die Gräuel der nationalsozialistischen Herrschaft, aber auch über die Rolle der Frauen im Kampf um ein freies Österreich, waren wesentliche Motive für den Zusammenschluss der „Ravensbrückerinnen“. Die ÖLGR war außerdem als Anlaufstelle für die spezifischen Anliegen der zurückgekehrten Frauen und auch der Hinterbliebenen von im KZ Ravensbrück ermordeten Frauen gedacht. In der Lagergemeinschaft sollten sie eine Solidargemeinschaft finden.
Weitere frauenpolitische Motive waren: die öffentliche und historische Anerkennung der Leistungen der ehemaligen Widerstandskämpferinnen und die Berücksichtigung dieser Frauen bei der Vergabe von politischen Ämtern und Posten. Auch diese Motive fanden in den schriftlich festgelegten Zielsetzungen, den Statuten des Vereins, ihren Niederschlag.
Die Lagergemeinschaft verstand sich somit von Anfang an als eine politische Vereinigung, die prinzipiell offen war für alle ehemals Verfolgten. Tatsächlich waren aber fast ausschließlich ehemalige Widerstandskämpferinnen in der Lagergemeinschaft organisiert.

Delegiertenkarte von Irma Trksak (1947); Privatarchiv

 Entwicklungen seit 1947

Seit der Gründungsfeier 1947 trafen sich die „Ravensbrückerinnen“ aus dem Raum Wien jeden zweiten Dienstag im Monat, anfangs in Extrazimmern verschiedener Kaffeehäuser. Seit 1984 bis heute finden die Zusammenkünfte in den Räumlichkeiten des KZ-Verbands statt. Die „Ravensbrückerinnen“ aus den anderen Bundesländern kamen meist im Rahmen von Treffen der regionalen KZ-Verbände zusammen.
In der fast 70-jährigen Geschichte der Lagergemeinschaft setzten die aktiven Mitglieder zahlreiche Projekte um und brachten (fast) jährlich ein „Mitteilungsblatt“ heraus.
Ab 1995 wurden Frauen und Männer der nachfolgenden Generationen in die ÖLGR aufgenommen mit dem Ziel, die „Ravensbrückerinnen“ bei der Umsetzung der Ziele des Vereins zu unterstützen. Zahlreiche AktivistInnen, mehrheitlich Frauen, engagierten sich seither im Verein.
2005 beschlossen die „Ravensbrückerinnen“ nach einem intensiven Diskussionsprozess, die Vereinsfunktionen und -agenden an die Nachgeborenen zu übergeben. Zur Orientierung verfassten sie eine Präambel für die Vereinsstatuten. Der Vereinsname wurde erweitert und lautet seither: Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen (ÖLGR/F).
Die Frauen der nachfolgenden Generationen veränderten mit der Zeit den inhaltlichen Fokus der ÖLGR, der stark auf die ehemaligen Widerstandskämpferinnen ausgerichtet war, und sorgten in vielen Gesprächen innerhalb der Lagergemeinschaft und vor allem mit den Forschungs-, Ausstellungs- und Filmprojekten für eine Erweiterung des Blicks: „Ravensbrückerinnen“ aller Opfergruppen sollten gehört und geehrt werden.


50-Jahr-Feier 1997

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück (ÖLGR) wurde am 23. Mai 1997 eine Festveranstaltung im Alten Rathaus in Wien abgehalten, wo bereits 1947 die Gründungsfeier stattgefunden hatte. Etwa ein Jahr später wurde die Festschrift „50 aktive Jahre“ veröffentlicht.
Die Auschwitz- und Ravensbrück-Überlebende Lotte Brainin schrieb im Vorwort der Festschrift: „In den mehr als 50 Jahren seit unserer Befreiung und Heimkehr aus dem Konzentrationslager sind wir um diese Jahre älter geworden, und nur mehr wenige Frauen können sich heute den geänderten Aufgaben widmen. In den ersten Jahren ging es darum, einander zu helfen und Lebensmut zu geben, um ein menschenwürdiges Leben aufzubauen. Gleichzeitig berichteten wir von den Untaten und Schrecken, die wir in den Konzentrationslagern erlebten. (…)
Heute, in einer veränderten Welt, sehen wir mit Schrecken, wie Fremdenhass und Antisemitismus geschürt werden. Flüchtlinge aus Krisengebieten werden bürokratischen Schikanen ausgesetzt und schließlich von unseren Grenzen abgewiesen. Neonazis treiben ihr Unwesen. Wir erachten es daher als äußerst wichtig, dass unsere Geschichte und unsere Erfahrungen weiter wach bleiben und verbreitet werden, um ein neuerliches Abgleiten unserer Gesellschaft in totalitäre Strukturen zu verhindern.
Seit rund drei Jahren stellt sich unsere Lagergemeinschaft die Aufgabe, junge Frauen für unsere Tätigkeit zu interessieren. (…) Diese jungen Frauen helfen uns, unsere schwierige Arbeit weiterzuführen, und leisten so einen wichtigen Beitrag, damit unsere Kinder und Kindeskinder in einer offenen und demokratischen Umgebung aufwachsen können und ihnen die Schrecken des Totalitarismus erspart bleiben.“

Die Gäste der Festveranstaltung am 23. Mai 1997 wurden u.a. von Friedl Sinclair, der damaligen Obfrau der ÖLGR, begrüßt – die Festrede hielt Altbundeskanzler Franz Vranitzky.
Antonia Bruha, damals Kassierin der ÖLGR, fasste die wichtigsten Aktivitäten und Errungenschaften der Lagergemeinschaft in diesen 50 Jahren zusammen, Hilde Zimmermann erzählte vor allem von der Gedenkstätte in Ravensbrück, von deren Gestaltung und Funktion; Brigitte Halbmayr, spätere langjährige Obfrau der ÖLGR/F, sprach stellvertretend für die anderen jüngeren Frauen über die Beweggründe für ihr Engagement.
Für die Festschrift wurden zahlreiche Texte extra verfasst, darunter persönliche Erinnerungen von Alice Rusz, Lotte Brainin und Friedl Sinclair; Grußbotschaften von Ingrid Rabe-Lugebiel und Rosel Vadehra-Jonas von der deutschen Lagergemeinschaft sowie Texte der Zeithistorikerin Erika Weinzierl und des Ravensbrück-Forschers Bernhard Strebel.


60-Jahr-Feier 2007

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück wurde von 1. bis 3. Juni 2007 in Wien ein umfassendes offizielles Programm angeboten, an dem auch Ravensbrück-Überlebende und Vertreterinnen der Lagergemeinschaften aus Russland, Ungarn, Kroatien, Holland, Deutschland und Spanien teilnahmen.
Der erste Programmpunkt war die offizielle Festveranstaltung am Freitag, dem 1. Juni 2007 im Parlament. Die Gäste wurden von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, von Renate Meissner als Vertreterin des österreichischen Nationalfonds und von der Obfrau der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen (ÖLGR/F),Brigitte Halbmayr, begrüßt. Die Festreden hielten die Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Sigrid Jacobeit, und die Ravensbrück-Überlebende Irma Trksak , die auch Gründungsmitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück ist.
Musikalisch begleitet wurde das Programm von Constanze Jaiser und Jakob David Pampuch.

Alle Fotos: © Parlamentsdirektion / Carina Ott

pdf Grußadresse von Insa Eschebach, Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
pdf Begrüßungsworte von Brigitte Halbmayr, Obfrau der ÖLGR/F
pdf Grußbotschaft von Katharina Thaller, Zeugin Jehovas und Überlebende des KZ Ravensbrück

Am nächsten Tag fand in den Räumlichkeiten des Wiener Amerlinghauses die Generalversammlung der ÖLGR/F für das Jahr 2007 statt, bei der auch viele der internationalen Gäste anwesend waren. Wir hatten das Glück, dass zu diesem Zeitpunkt gerade eine Ausstellung mit Bildern der Ravensbrück-Überlebenden Ceija Stojka zu sehen war, die einen wunderschönen Rahmen für diese Veranstaltung bildete.


Am Abend des 2. Juni 2007 bildete dann ein Konzert der Band „Coincidence“ von Esther & Edna Béjarano im Hof des Amerlinghauses einen weiteren Höhepunkt. Esther Béjarano, ebenfalls eine Ravensbrück-Überlebende, tritt seit Jahrzehnten als Sängerin mit Liedern aus dem (jüdischen) Widerstand auf.

Alle Fotos: Hannelore Stoff

Bei der abschließenden Veranstaltung „Erinnern und Gedenken führt zum Heute“ am 3. Juni 2007 im FrauenLesbenMädchenZentrum (FZ) trafen die Verfolgten des Nationalsozialismus Esther Béjarano, Ceija Stojka, Irma Trksak, Rosa Szilagy, Lotte Brainin und Stanca Simoneti mit Frauen der jüngeren Generationen im Gespräch aufeinander.

Literaturtipp:
Helga Amesberger, Kerstin Lercher:

Lebendiges Gedächtnis. Die Geschichte der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück